Bachg
eschic
hten
Bachgeschichten

Es klappert ...: Wie Korn zu Mehl wird

Jesse ist Vorsitzender des Vereins, der die einzige noch funktionierende Wassermühle in Bielefeld betreibt: Niemöllers Mühle im Stadtteil Quelle.

Jesse: Ich bin Zimmermann und in der Mühle ist viel aus Holz, das gefällt mir. Einen richtigen beruflichen Müller gibt es nicht mehr. Ich stamme aus Quelle und bin einer von über 100 Personen in unserem Verein. Wir kümmern uns um den Erhalt dieser Mühe. Wir lassen die Mühle laufen um den Besuchern der Mühle zu zeigen, wie es war und wie es funktioniert hat. Früher gab es keine Motoren. Aber es gab das Wasser der Bäche als Energiequelle. Der Mensch hat es geschafft, das fließende Wasser in eine kontrollierte Bewegung umzuwandeln. Das Bachwasser dreht letztlich den Mühlstein. Dafür gab es ein Wasserrad und dahinter geschaltete Zahnräder und Wellen. - Alles aus Holz! Ein Müller musste gut mit Holz arbeiten können, um zu reparieren. Und er musste auf das Klappern seiner Mühle hören, um frühzeitig mit zu bekommen, wenn etwas kaputt ging. In unserer Mühle laufen heute sowohl hölzerne als auch metallene Zähne.

Der Mühlteich war ein angestauter Wasserspeicher. Ein voller Mühlweiher ist wie ein voll geladener Akku. Das Rinnsal eines Baches wurde durch Aufstauen zu einer großen Kraft. Der Müller hat dann das Schott geöffnet und Wasser über das Mühlrad laufen lassen. Mit dieser Kraft wurde hier in der Mühle Korn gemahlen. Woanders wurde aber so auch Öl aus Raps gepresst, Messer und Scheren geschliffen, allgemein Metall bearbeitet und vieles mehr.

Die Fläche des heutige Bielefeld wurde z.B. vor 500 Jahren, so alt ist unsere Mühe mindestens, ganz überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Korn ist schwer. Die Fuhrwerke und Straßen waren nicht so leistungsstark, wie heute. Deshalb ging es auch um kurze Wege und deshalb gab es viele Wassermühlen. - An alle Bächen. Die Mühlen waren lebensnotwendig für die Menschen.

Der Verein „Freunde und Förderer der Mühle Niemöller in Quelle e. V.“ hat die Wassermühle Niemöllers Mühle restauriert und stellt einen regelmäßigen Betrieb sicher. Besucher:innen können sich alles ansehen und Kuchen aus dem gemahlen Mehl kaufen. Ein Besuch lohnt sich. Die monatlichen Öffnungszeiten findet man hier: niemoellers-muehle.de

Übrigens, wer sich für das Leben eines Müllers bzw. eines Müllerlehrlings interessiert, dem empfiehlt Jesse das Buch „Krabat“,- ein Jugendbuch von Otfried Preußler.

Das Kinderlied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ beschreibt schön die Rolle der Wassermühle für den Weg des Korns zum Brot: Wikipedia-Artikel Es klappert ...


Gebirgsstelze und Wasseramsel

Naturschutz ist für Susanne Weinert ein wichtiges Thema. Sie ist seit 2018 Mitglied beim NABU. In dem Jahr formierte sich erheblicher Widerstand gegen eine weitere Rodung des Hambacher Waldes für den Braunkohleabbau. Dies war der Auslöser für Susanne Weinert sich für den Naturschutz zu engagieren. In Bielefeld profitieren Vögel, die gerne an Bächen leben, von ihrer Arbeit.

Susanne Weinert: Wir fahren in Bielefeld zu Brücken über Bächen, um dort Nisthilfen zu kontrollieren und neue aufzuhängen. Die Kästen werden ausschließlich geklebt, damit die Brücken nicht beschädigt werden. Wichtig ist ein guter Kleber, sonst fallen die Kästen nach kurzer Zeit ab. Anrauen der Klebeseite des Holzkastens und passender Andruck und Dauer entscheiden über den Erfolg der Klebe-Aktion. Und Brücke ist nicht gleich Brücke. Manche sind sehr hoch, da braucht man Leiter, Gummistiefel und manchmal eine Wathose, andere Brücken sind sehr flach und es ist gut, wenn man im Team kleine Menschen hat, die die Kästen dann anbringen können. Für das Aufhängen neuer Kästen ist eine zuvor eingeholte Genehmigung vom jeweiligen Eigentümer natürlich Voraussetzung. Gebirgsstelze und Wasseramsel nutzen die gleiche Kastenart.

Susanne Weinert: Gebirgsstelze und Wasseramsel sind Vögel, die gerne am Wasser leben und Bielefelder Bäche bieten ihnen gute Lebensräume. Auf diese beiden Arten konzentrieren wir uns. Dabei gibt es mehr Gebirgsstelzen als Wasseramseln in Bielefeld. Die Gebirgsstelze stellt weniger hohe Ansprüche an ihren Lebensraum als die Wasseramsel.

Susanne Weinert: Die Gebirgsstelze ist ein total interessanter Vogel. Sie hat einen wippenden Gang und eine charakteristische Federzeichnung: gelber Bauch und graue Oberfedern. Mir macht Vogelbeobachtung grundsätzlich viel Spaß. Nach der Nistkastenkontrolle bleibe ich noch eine zeitlang am Bach sitzen und schaue, ob und welche Vögel zu beobachten sind. Unter einer Brücke taucht man in eine eigene Welt. Man hört das Rauschen des Baches, was total beruhigend ist. Viele Bielefelder wissen gar nicht, dass wir hier so viele Bäche haben und wie schön es an manchen Stellen ist. Und man sieht ja nicht nur Wasseramsel und Gebirgsstelze, sondern zum Beispiel auch Kleiber, Blaumeise, Zaunkönig und wunderschöne Libellen...

Mir geht es um Naturschutz und darum, jungen Menschen, Jugendlichen, die Natur und Naturschutz nahe zu bringen. Ob das jetzt mit einer Gebirgsstelze oder einer Aktion im Vereinshaus gelingt, das ist für mich nicht so entscheidend. Wir haben im NABU ganz viele Möglichkeiten mitzumachen. Zum Beispiel gibt es auch eine Kindergruppe für Kinder von 6 bis 13 Jahren. Im Grunde kann man jeden Samstag mit dem NABU in der Natur etwas machen.

Hier werden absichtlich keine Stellen zur Beobachtung von Gebirgsstelze und Wasseramsel genannt. Wer Besonderes in der Natur entdecken möchte, sollte mit wachen Augen durch die Welt gehen und auch Bächen einen längeren Blick schenken. Mit etwas Glück gibt es sogar einen Eisvogel zu sehen. Auch den gibt es an Bielefelder Bächen.

Während des hier wiedergegeben Treffens hat sich keine Gebirgsstelze gezeigt. - Dazu die Fotoinstallation oben. Die Natur ist eben nicht immer berechenbar. Es waren aber diverse Singvögel am Bach und ein Eichelhäher hat in der Nähe gebadet. Die häufiger zu sehende schwarz-weiß-graue Bachstelze ist trotz ihres Namens übrigens nicht auf Bäche angewiesen.


Vom Rhein an die Lutter

Silke Schmidt ist in Köln aufgewachsen und ist viel gepaddelt. Sie musste nur die Straße überqueren und eine Treppe runter gehen, schon war sie am Rhein. Dann kam sie nach Bielefeld - an die Lutter.

Silke Schmidt: Ich bin im Paddelboot und am Rhein groß geworden. Ich bin als Baby in den Kanuclub meiner Eltern in Köln hinein geboren worden. Schon als kleines Kind war ich mit meinen Eltern an den Wochenenden paddeln. So habe ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend an irgendwelchen Flüssen in Europa verbracht. Wir haben gezeltet und bis zu dreiwöchige Gepäcktouren mit dem Kanu unternommen. Als Jugendliche habe ich mit dem Wildwasser-Rennsport begonnen. Ich habe drei bis fünf Mal die Woche trainiert. Ich war fast jeden Tag auf dem Rhein. Und am Wochenende bin ich mit meiner Vereinsmannschaft zu Kanurennen gefahren. Es ging darum, eine Fluss-Strecke in kürzester Zeit zu bewältigen. Sülz, Sieg, Rhein, Erft, Rur, Gelbach, Enz, Iller, Isar, Inn, Loisach, Brandenberger Ache und vielen andere Flüsse bin ich hinuntergeprügelt – selten Blick für die schöne Landschaft, sondern eher für die schnellste Linie bis zum Ziel. Inzwischen würde ich gerne mal in aller Ruhe die Natur vom Wasser aus erleben und Kanuwandern, wie es meine Eltern so geliebt haben. Zwar gibt es in Bielefeld auch Kanuvereine. Aber es hat mich nicht gereizt, hier aufs Wasser zu gehen. Und die Weser ist mir zu weit weg.

Silke Schmidt: Kurioserweise bin ich in der Bielefelder Innenstadt an die einzige Stelle gezogen, wo man direkt am Wasser wohnen kann - in die Ravensberger Straße. Ich freue mich schon seit sieben Jahren, dass die Lutter hier oberirdisch fließen soll, damit ich wieder das Gefühl habe, an einem Fluss zu leben. Ich bin einfach nur froh, dass demnächst Wasser direkt vor meinen Füßen entlang fließt. Quasi direkt unter meinem Schlafzimmer wird dann der kleine Bach rauschen. An der Idee der Lutterfreilegung finde symphatisch, dass der Bach zu einer Art Begegnungsstätte wird. In Köln gibt es am Rhein ganz viele Stellen, wo sich die Leute einfach abends treffen. Da gibt es eine Treppe gegenüber vom Dom, auf der rechten Rheinseite. Da sitzen die Leute in der Abendsonne und genießen das Rheinpanorama. Und ich habe hier in der Ravensberger Straße jetzt schon gesehen, dass die Leute sich mit einem Bier zum Feierabend in die Betonrinne setzen. Obwohl das Wasser noch gar nicht fließt, können sie es kaum erwarten, am Wasser zu sitzen, das Wasser zu zelebrieren. Bevor das Wasser hier durch fließt, verbreitet es schon seine Magie. Die jahrelange Baustelle habe ich für diese Magie in Kauf genommen. Wir haben immer mal wieder überlegt, aufs Land zu ziehen. Ich habe gesagt: Bevor nicht das Wasser hier einmal zu meinen Füßen durch die Straße fließt, will ich hier nicht weg. Ich glaube, das wird ein neues Zentrum von Bielefeld werden, in dem sich die Leute auch abends treffen. Vielleicht wird es auch mal lauter werden, aber diese Lebendigkeit ist es mir wert. Und das Leben auf der Straße, wozu dieser Bach auch wahrscheinlich beitragen wird, finde ich einfach wunderschön.


Schulweg, Rauschen im Keller und Matsch

Der Schulweg am Bohnenbach, im Stadtteil Bethel (Gadderbaum), entlang hat Ulrike ein ganz eigenes Erlebnis des Bachs verschafft. Sie hat den Bach nie fließen gesehen. Aber sie hat ihn gehört und er hat ihr Matsch geboten. Die Erinnerungen beziehen sich auf die 1970er Jahre. Die Bilder zeigen den Zustand von 2021.

Ulrike: Mein Schulweg ging einmal längs durch Bethel am Quellenhofweg entlang. Da bin ich am Arbeitsplatz meines Vaters vorbei gekommen, der technischer Leiter der Wäscherei Bethel war. Mein Vater hatte seine Werkstatt im Keller des alten Gebäudes an der Handwerkerstraße. Wenn man im Treppenhaus vor seiner Werkstatt stand, hörte man Wasser rauschen und ich habe mich gewundert und gefragt. Mir wurde gesagt, dass das der Bohnenbach ist, der unter dem Gebäude fließt.

Ulrike: Mein Schulweg ging auch an einer schön matschigen Grasfläche vorbei. Heute weiß ich, dass es ein Regenrückhaltebecken war und noch ist. - Zwischen Maraweg und Bauhofweg. Nach der Schule, auf dem Weg nach hause, bin ich dort hängen geblieben. Vor allem wenn es geregnet hatte und nass war hat es mich magisch angezogen dort 'rein zu gehen und mich dort 'rum zu treiben. Ich kann mich gar nicht erinnern, was genau ich dort gemacht habe. Ich habe die Zeit dabei vergessen. Meine Mutter hat sich Sorgen gemacht, wusste dann aber, wo sie mich findet und ist gekommen und hat mich nach hause geholt. - Völlig zugeschmiert.

Auch barfuß war ich in dem Matsch. Sand ist auch schön. Wenn da Wasser drüber fließt, kriegst du ja diese Wellenstruktur. Wenn man da mit nackten Füßen drauf geht, das ist auch nett. Schlamm ist 'was anderes. Mit nackten Füßen in so schlickigen, schönen Schlamm zu gehen, das ist doch großartig. Das quitscht [Anm.: nicht quietscht] dann so schön durch die Zehen. (Andere finden das vielleicht ganz ekelig. Ich finde das noch heute ganz großartig.) Ich mag das noch heute. Wenn der Matsch richtig weich ist, fühlt sich das einfach großartig an. Und dazu Wasser, kaltes Wasser, - toll.

Meine Mutter hat mir auch alte Sachen angezogen, die nur dazu dienten, dass ich nach draußen gehe, weil ich mich so eingematscht habe. Diese Sachen wurden vor der Wohnungstür ausgezogen. Die haben die Wohnung fast nie betreten. Die waren manchmal hart vor Schlamm. Die konntest du hin stellen.

Heute fließt der Bohnenbach zwischen dem Regenrückhaltebecken und dem nicht mehr vorhandenen Treppenhaus in einem ganz neuen Bachbett und wird von Gehwegen und dem Bohnenbachpark umrahmt.

Ulrike: Der Bohnenbach ist in meiner Erinnerung kein echtes, fließendes Gewässer. - Einfach viel Feuchtigkeit, die eher gestanden hat. Das Fließen war vielleicht etwas wahrnehmbar, spielte für mich aber gar keine Rolle. In dieser nassen Wiese ging der Bach eher in die Breite und deshalb so viel Matsch. Unten war er abgedeckt, kanalisiert. Und oben war er zugewuchert oder floss hinter unzugänglichen Gebäuden entlang.


Paddeln in Bielefeld

Das Paddeln ist in Bielefeld möglich. Julian Rieks paddelt gerne die Aa ab Brake. Er ist Fahrtenwart des Bielefelder Kanuclub.

Julian Rieks: Die Aa ist ein typischer kleiner Wiesenfluss, rechts und links von hohen Böschungen flankiert. - Ein schöner Fluss, ist ganzjährig zu fahren. Mit kleinen Abschnitten wo man eventuell treideln [Anm.: das Boot ziehen] muss, wenn Niedrigwasser ist, also sehr trockene Perioden sind. Da allerdings die Aa an den beiden großen Kläranlagen in Brake und Heepen liegt, ist der Wasserstand eigentlich ganzjährig gewährleistet. Das ist eine sehr schöne Strecke bis Herford. Diese 5,5 km sind sehr schön mit kleinen Stufen und kleinen Kehrwässerchen. Das ist für alle geeignet. In Herford-Stedefreund ist eine ehemalige Mühle. Das Haus steht noch, das Wehr gibt es nicht mehr. Da ist eine etwas längere Stufe drin. Natürlich kann man kentern, wie auf jedem Fluss. Ich bin hier auch schon mit blutigen Erstpaddlern, die zum ersten Mal in einem Boot saßen, auf der Aa gepaddelt.

An der Brücke Elsener Straße in Brake ist eine gute Einsatzstelle. Der Gewässerführer des Kanu-Verband NRW weist Johannisbach und Aa ab Obersee mit gut 5 km als Paddelrevier aus.

Julian Rieks: Man kann auch ein Stück auf der Lutter zwischen Heepen und Brake paddeln. Aus dem Zusammenfluss der Lutter und des Johannisbachs entsteht die Aa, die dann bei Herford in die Werre fließt. Und die fließt wiederum in die Weser. Man könnte also von Bielefeld bis zur Nordseeküste durchpaddeln. Eigentlich sind wir in Bielefeld nah an vielen Flüssen dran. Als ich noch in Bochum lebte war ich von der Ruhr so weit weg, wie jetzt von der Werre in Herford. Im Umkreis von rund 50 km gibt es noch die paddelbaren Flüsse Weser, Bega, Lippe, Ems, Else, Emmer und Nethe.

Julian Rieks: Wir haben hier, ich glaube 2017, eine große Aufräumaktion vom Verein aus gemacht. Wir haben zwei Anhänger Müll aus der Aa und dem Johannisbach herausgeholt. Einkaufswagen, Elekroroller, alles Mögliche. Ein Vereinskollege und ich sind im Kanadier mit einer Kettensäge hier durch gefahren. Wir haben die ganzen Baumverwuchse raus geschnitten, an denen sich auch der ganze Dreck gesammelt hatte. Und am Ufer sind andere Vereinsmitglieder gelaufen, die dort den ganzen Müll aufgesucht haben.

Es gibt in Bielefeld mindestens zwei weitere Paddelvereine: die Kanuabteilung der Naturfreunde und den Kanu-Sport-Verein Bielefeld.


Eintauchen in die Kindheit: Das Osterwasser

Maria Canovai war als Kind viel draußen und hat in Wasser und Matsch der Bäche gespielt. Sie wuchs seit Ende der 60er Jahre in der Siedlung Am Rottmannshof auf. Einmal an Ostern brach sie allein früh morgens zu einem Bach auf.

Maria Canovai: Als ich so zehn, elf Jahre alt war, muss ich in der Zeit vor Ostern das Kinderbuch „Zwieselchen und der Osterhase“ gelesen haben. Die Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Das Buch entstand in den 1920er Jahren. Zwieselchen ist ein kleiner Junge im Kindergartenalter. Im Buch erzählt die Kinderfrau dem Zwieselchen von ihrem Ostern. Ich nehme an, dass diese Geschichte der Kinderfrau aus dem Baltikum stammt und um die Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert herum spielt. Sie erzählt, dass es Brauch war, dass die Mädchen zu Ostern morgens hinaus zum Brunnen gegangen sind, um vom Wasser zu trinken und sich zu waschen. Es war so, dass man nichts sagen und möglichst auch niemandem begegnen durfte, und sich mit dem Osterwasser dann wusch. Das sollte zur Folge haben, dass man klug, stark und groß wurde.

Maria Canovai: Ostern war immer aufregend. Ich denke, ich war jemand, die Rituale gerne mochte. Ich fand die Geschichte so anregend, dass ich beschloss morgens am ersten Ostertag für mich allein loszugehen. Meine Familie schlief tatsächlich noch . Es war schönes Wetter und ich bin zu einem Bach gegangen, den ich kannte. In diesem kalten Bach habe ich mein Gesicht und die Hände gewaschen und auch von dem Wasser getrunken. Dann ging ich wieder zurück nach Hause. Ich habe nicht gesprochen und nicht gelacht . Meine Familie schlief tatsächlich noch. Diesen Gang zum Bach zu Ostern habe ich nur einmal gemacht. Ich wollte das wirklich nur für mich tun. Ich habe bis jetzt niemandem etwas davon erzählt.

Den Bach gibt es heute nicht mehr an der Stelle, an der die Osterwassergeschichte stattfand. Es ist ein breites, aber trockenes Bachbett zu erkennen. Direkt daneben liegt ein Regenrückhaltebecken. Offenbar wird der Bach jetzt durch dieses Becken geleitet. Der Bach direkt neben der Siedlung, der auch die Straße Am Rottmannshof kreuzt, hat keinen Namen. Er fließt durch den Grünzug, der sich von der Universität bis zur Schloßhofstraße erstreckt, und er mündet in den Gellershagener Bach.

Maria Canovai: Der Bach war für mich als Kind schon ein kleiner Bach und hatte nicht viel Wasser, man konnte gut durch ihn durch gehen. Rechts und links war Gras; ich erinnere mich an wilde Schlüsselblumen und Osterglocken im Frühjahr. Nebenan waren feuchte Kuhwiesen, durch die man nur mit Gummistiefel gehen konnte, und angrenzend ein kleiner Wald. Dieser Teil des Grünzugs war eines meiner Spielgebiete. Hier war ja viel Raum dafür.
Wir sind von meiner Mutter gern zum Spielen hinaus geschickt worden. Wir wollten das aber nicht. Wir wollten drin bleiben im Warmen und waren widerspenstig. Aber eigentlich war uns in der Wohnung langweilig. Wir haben uns dann Am Rottmannshof mit den anderen Kindern getroffen, auf dem Anger gespielt oder sind  durch den Wald gestrichen. Ich hatte auch eine Freundin, die viel Bewegungsdrang hatte und mich animierte, auch weiter entfernt durch Wald und die Grünstreifen zu ziehen. Wir haben alles Mögliche gemacht:  Erdhöhlen untersucht, Pilze gesammelt, mit Stöckern experimentiert. Mit den Gummistiefeln sind wir schon mal im Matsch hängen geblieben und öfter zwar mit nassen Socken, aber zufrieden zurück nach Haus gekommen.

Das Buch „Zwieselchen und der Osterhase“ von Werner Berggruen ist online einsehbar und kann herunter geladen werden:  http://ds.ub.uni-bielefeld.de/viewer/thumbs/2319561/1/.


Für diese Bachgeschichten sind Menschen in 2021 interviewt worden, die Interessantes über Bäche in Bielefeld zu erzählen haben. Die Interviewaussagen werden hier zusammenfassend wiedergegeben. Diese Zusammenfassungen sind von den Erzähler:innen autorisiert.

Nach oben